Die Verhandlung

Um 6:15 Uhr beginnt bei uns im Schlafzimmer die Tarifrunde. Die Gegenseite eröffnet mit einer Maximalforderung: sofort. Ich biete neun Minuten.

Die neun Minuten stammen nicht von mir. Die hat irgendwann jemand ausgehandelt, lange vor meiner Zeit, und seitdem stehen sie fest. Es müssen neun sein, nicht zehn, das ist an dieser Stelle wichtig. Zehn Minuten wären eine Einladung. Neun sind ein Zugeständnis, das sich nach Strenge anfühlt, und genau so war es vermutlich gemeint. Ich stelle mir einen Ingenieur in den Achtzigern vor, der abends im Labor stand, auf die Uhr sah und dachte: Zehn kann ich nicht verantworten.

Um 6:24 die zweite Runde. Ich argumentiere mit der Lage: Der Abend war lang, die Woche ist schwierig, es gibt Hinweise auf Erschöpfung. Die Gegenseite verweist auf den Kalender. Das ist das Unangenehme an dieser Verhandlung — sie hat keine Argumente, sie hat nur Uhrzeit, und Uhrzeit schlägt Argument.

Ich hatte einmal einen Wecker mit Naturklängen. Meeresrauschen, das langsam lauter wird. Ich bin drei Wochen lang zu spät gekommen. Das Meer droht keine Konsequenzen an. Das Meer ist ein Kollege, der sagt, du machst das schon, und dann geht er.

Dritte Runde, 6:33. Jetzt schaltet sich das Handy ein, ein zweites Gerät, formal unabhängig, faktisch mit der Gegenseite verbündet. Die beiden koordinieren sich nicht, sie müssen nicht. Sie wissen, dass ich nur zwei Hände habe und beide unter der Decke.

Um 6:42 stehe ich. Das Ergebnis liest sich je nach Standpunkt unterschiedlich. Er hat 27 Minuten abgegeben, die ihm nach ursprünglicher Forderung zugestanden hätten. Ich habe 27 Minuten verloren, die ich schlafend hätte verbringen können, tatsächlich aber wach lag und Verhandlungspositionen sortiert habe. Beide Seiten nennen das ein Ergebnis. Beide Seiten wissen, dass es keines ist.

Morgen früh um 6:15 geht es weiter. Ich habe mir eine neue Position überlegt. Er hat dasselbe Geräusch.

Dazu gibt es eine Tasse

„Der Wecker hat mich betrogen. Wieder."

330 ml weiße Keramik, beidseitig bedruckt, spülmaschinenfest und mikrowellengeeignet. Kommt im Geschenkkarton mit Banderole zum Beschriften.

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Wer die Verhandlung lieber protokolliert als beklagt, nimmt diese hier: Mein Wecker klingelt. Ich verhandle. Er gewinnt nie ganz.

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