Die Inschrift

Am Montag nach dem Wichteln steht in der Kaffeeküche eine Tasse, die niemand lesen kann. Um 8:40 Uhr gilt sie offiziell als Fundstück.

Die Tasse gehört Frau Kessler aus dem Einkauf. Sie hat sie am Freitag beim Wichteln bekommen und bis heute nicht entschlüsselt. Auf der Vorderseite steht ein Satz, so viel ist sicher. Er ist in einer Schrift gesetzt, die aussieht, als hätte jemand mit einem Schwan geschrieben. Die Großbuchstaben haben Ausläufer, die Ausläufer haben Ranken, und an einer Stelle wächst aus einem L ein zweites L heraus, das niemand bestellt hat.

8:52 Uhr. Herr Brandt aus dem Vertrieb liest „Lebe deinen Traum“. Er sagt das mit einer Bestimmtheit, die er sonst nur bei Umsatzprognosen hat, und mit ähnlicher Trefferquote. Es passt, sagt er, wenn man den Kringel in der Mitte als Komma betrachtet. Niemand betrachtet den Kringel als Komma.

9:05 Uhr. Die Lage wird unübersichtlich. Jemand liest „Liebe den Kran“. Jemand anderes hält die Tasse gegen das Licht, als stünde die Lösung auf der Innenseite. Die Praktikantin fotografiert den Satz und lässt ihn von ihrem Handy übersetzen. Das Handy erkennt Ungarisch.

Um 9:30 Uhr wäre das Wochenmeeting gewesen. Der Raum ist gebucht, der Beamer läuft, die Agenda hat elf Punkte. Im Raum sitzt nur der Teamleiter. Er schreibt eine Mail, dass das Meeting verschoben wird, und kommt dann selbst in die Kaffeeküche, weil er inzwischen auch eine Theorie hat.

10:15 Uhr. Wir haben ein System. Jeder Buchstabe bekommt einen Zettel, jeder Zettel eine Wahrscheinlichkeit. Die Wand neben dem Kühlschrank sieht aus wie in einem Krimi, kurz vor der Festnahme. Das L mit dem zweiten L ist rot eingekreist. Daneben steht in drei verschiedenen Handschriften: „Warum?“

Gegen elf kommt Herr Albrecht aus der Buchhaltung, um sich Milch zu holen. Herr Albrecht prüft seit 31 Jahren handgeschriebene Handwerkerrechnungen. Er sieht die Tasse zwei Sekunden lang an, nimmt seine Milch und sagt im Gehen: „Du schaffst das.“

Wir haben das zuerst für Ermutigung gehalten.

Es stand auf der Tasse. Du schaffst das. Drei Wörter, vierzehn Ranken.

An diesem Vormittag hat keiner von uns irgendetwas geschafft. Die Tasse steht seitdem im Schrank. Ganz hinten. Mit der Schrift zur Wand.

Dazu gibt es eine Tasse

„Dieses Meeting hätte eine E-Mail sein können. Oder gar nichts.“

330 ml weiße Keramik, beidseitig bedruckt, spülmaschinenfest und mikrowellengeeignet. Kommt im Geschenkkarton mit Banderole zum Beschriften.

Tasse ansehen

Wer ohnehin den halben Vormittag in der Kaffeeküche verbringt, nimmt diese hier: Mein Lieblingskollege? Die Kaffeemaschine.

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